Tanztheaterprojekt verbindet Erinnerungskultur und europäische Begegnung
Mit dem europäischen Tanztheaterprojekt „Lilo und der Schmerz der Anderen“ entsteht im Herbst 2025 in Friedrichsthal ein künstlerisch-pädagogisches Projekt, das Erinnerungskultur, historische Verantwortung und gesellschaftliche Vielfalt miteinander verbindet.
Ausgangspunkt ist die Biografie der Saarbrücker Jüdin Lilo Ermann, die gemeinsam mit ihren Eltern nach Auschwitz deportiert und ermordet wird. Ihr erhaltenes Poesiealbum, heute Teil der Sammlung der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, gibt den inhaltlichen Impuls. Jugendliche aus Deutschland, Frankreich, Bosnien-Herzegowina und Spanien greifen diesen Ausgangspunkt auf und setzen sich mit der Geschichte der Shoah und ihrer Bedeutung für die Gegenwart auseinander.
Im Zentrum steht die europäische Dimension des Erinnerns. Jugendliche aus verschiedenen Ländern begegnen sich mit den historischen Erzählungen, die in ihren Familien und Gesellschaften tradiert werden. Dabei stoßen sie auf gemeinsame Erfahrungen von Gewalt, Ausgrenzung und Verlust, aber auch auf Unterschiede, die erklärungsbedürftig und diskussionswürdig sind. Das Projekt macht diese Vielfalt von Erinnerung sichtbar und versteht sie nicht als Hindernis, sondern als Voraussetzung für ein dialogisches, solidarisches Gedenken. Die Shoah bleibt dabei zentraler Bezugspunkt deutscher Verantwortung, zugleich öffnet sich der Blick auf weitere historische und aktuelle Gewalt- und Ausgrenzungserfahrungen in Europa und darüber hinaus.
In Workshops, Gesprächen und Exkursionen setzen sich die Teilnehmenden mit diesen unterschiedlichen Perspektiven auseinander – darunter familiäre Kriegserfahrungen aus Südosteuropa, koloniale Geschichte sowie gegenwärtige politische Konflikte. Das Projekt legt Wert auf Gesprächsfähigkeit, Empathie und einen respektvollen Umgang mit widersprüchlichen Sichtweisen.
Die inhaltliche Arbeit mündet in eine intensive künstlerische Auseinandersetzung. In einem zweiwöchigen Probenprozess entwickeln die jungen Tänzerinnen und Tänzer ein 50-minütiges Tanztheaterstück, das durch hohe tänzerische Dichte, Dynamik und Ausdruckskraft geprägt ist. In präzisen, kraftvollen und zugleich verletzlichen Bewegungsbildern übersetzen sie historische Erfahrungen, persönliche Geschichten und aktuelle gesellschaftliche Spannungen in eine eindringliche Bühnensprache. Das ausgesprochen berührende Stück greift auch die gegenwärtige Situation eines zunehmenden Rechtsrucks in der Gesellschaft auf und formuliert eine künstlerische Gegenrede zu Ausgrenzung, Nationalismus und autoritärem Denken.
Das Projekt zeigt, wie kulturelle Bildungsarbeit auf europäischer Ebene wirkt. Es ermöglicht jungen Menschen, Geschichte als gemeinsame, aber nicht einheitliche Gegenwart zu begreifen und Verantwortung für ein demokratisches, solidarisches Zusammenleben in Europa zu übernehmen.









