Erlesene Überraschungen

Das Quarrel Quartett faszinierte mit Schubert in der Stadthalle

Neue Osnabrücker Zeitung, 7. April 2006


Es gibt Interpretationen wohl bekannter Musikstücke, bei denen man den Atem anhält, ganz vorn an die Stuhlkante gerückt, um sich keine Sequenz entgehen zu lassen. Zumal wenn Verlass darauf ist, dass alle noch so schwierigen Töne und Läufe sauber getroffen werden. Wie beim immer noch sagenhaft jungen Quarrel Quartett, das beim 7. Konzert der Osnabrücker Kammermusiktage in der Stadthalle das “Rosamunde”-Streichquartett a-Moll von Franz Schubert spielte.

Die vier maximal 24 Jahre alten Damen aus Polen sind, darauf lässt zumindest ihr Schubert schließen, im Vergleich zum Vorjahr noch besser geworden. Das ist ein neues, spannendes Phänomen des “classic con brio”-Festivals:
Entwicklungsschübe noch junger Ensembles von Jahr zu Jahr beobachten zu können. Die zahlreich erschienenen Musikfans konnten regelrecht hören, wie viel Probenarbeit, unnachgiebige Absprache bis ins letzte Detail geleistet worden war, bis das liedhaft weiche Quartett wie aus einem Guss, einem Geist entsprungen, erklang.

Faszinierend, mit welcher Ökonomie die vier Musikerinnen feine Nuancen des Leisen, Fahlen, Verhangenen dosierten. Konsequent verzichteten sie auf jedes Auftrumpfen von demonstrativer Selbstgewissheit, das für sie dieses empfindsame Werk mit seiner motorischen Unruhe nun einmal nicht besitzt. Zum noblen Dienst an der gemeinsamen Sache vereinte sich technische Souveränität und warm schwingender Wohlklang vierer Streichinstrumente – ein wertvoller Beitrag zu unserer so egozentrischen Zeit.

Eigenwillige Leseart. Ganz anders geartet, aber nicht minder elektrisierend war die Balance, die die Cellistin Natalie Clein für Joseph Heydns Cellokonzert D-Dur mit dem Kammerorchester des Festivals wählte. Hingebungsvoll singend, schmiegte sie ihren warmtönenden Celloton in die ruhigeren, kantablen Orchesterpassagen hinein, um im nächsten Moment mit blitzartiger, nervöser Geschwindigkeit schnelle Läufe zu durcheilen. Der Wechsel zwischen satter Sanglichkeit und aberwitziger Virtuosität nahm dem Werk jede Behäbigkeit. Den Preis für ihre – auswendig gespielte – eigenwillige und risikoreiche Leseart zahlte Clein allerdings mit gelegentlichen Unsauberkeiten.

Doch auch das ermöglicht das Festival: extrem unterschiedliche Musiker-Persönlichkeiten zu erleben. Die Geigerin Priya Mitchell und die Pianistin Polina Leschenko, sie ist dieses Jahr neu dabei, holten mit dem wieder kundig von Hubert Buchberger dirigierten Kammerorchester eine atemberaubende Dynamik aus -Felix Mendelssohn Bartholdys Konzert für Violine, Klavier und Streichorchester in d-Moll heraus – die man nie in dem frühen Werk vermutet hätte.

Was für ein temperamentgeladenes Gespann veranstaltete da furiose gemeinsame Ritte: die schwarzhaarige Engländerin mit dem so fein nuancierten wie ausdrucksstarken, silberhell jede Höhe erklimmenden Geigenton und die blonde Russin mit den flinken Fingern, die neben energiegeladenen auch hauchfeines Klanggewebe erzeugen konnte. – Jubel in der Stadthalle nach diesem Abend erlesener Überraschungen.

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